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Im Herbst 2016 rief "intakt", der norddeutsche Verband der Selbsthilfe bei sozialen Ängsten e.V. dazu auf,

an einem Preisausschreiben teilzunehmen.

Das Thema: "Was wäre wenn - ein Tag ohne Sozialphobie"

Die Teilnehmer sollten sich vorstellen, was an einem Tag passieren kann, wenn sie die Phobie nicht einengt.

Ein Teilnehmer aus unserer Selbsthilfegruppe hat seine "Geschichte" eingesendet und den 2. Platz belegt.

Wie er seinen Tag ohne Sozialphobie erleben würde?

Gehen Sie auf seine ganz persönliche Reise und lesen Sie selbst...

 

Ich wache auf.

Es ist ein ganz normaler Morgen, etwas trüb.

Aber irgendetwas ist anders.

Ich warte, auf meine Gedanken, die immer kreisen, sobald ich aufwache. Mein „Gedankenkarussell“, das sich dreht. Mein Grübeln, wie jeden Morgen. Immer wieder und den ganzen Tag lang. Es ist nicht da. Und ich wundere mich.

Meine Müdigkeit, sie ist weg. Die Müdigkeit, die den ganzen Tag anhält, obwohl ich ganz lange geschlafen habe.

Und diese miese Laune, die mich daran hindert, fröhlich zu sein.

Ich stehe auf.

Habe plötzlich „klare Gedanken“ Was kann man mit so einem Tag alles anfangen. Ich denke nach.

Was möchte ich tun? Endlich weiß ich es.

Schnell ziehe ich mich an.

Sonst brauche ich dafür mindestens eine Stunde, bevor ich mich überhaupt dazu aufraffen konnte.

Nun geht alles wie von selbst. Mein Plan steht. Ich will meinen „Traum“ verwirklichen, eine Ausbildung machen. Und ich weiß auch schon was. Fremdsprachensekretär. Mein Interesse daran ist groß.

Zielgerichtet gehe ich zum Amt, lasse mir Adressen geben. Wundere mich, dass mir die Worte leicht von den Lippen gleiten. Mache mir Notizen, frage nach.

Ich frage nach… ohne Probleme und ohne darüber erst „nachzugrübeln“.

Zuhause lege ich mir den Zettel zurecht, greife zum Telefon. Spätestens jetzt muss es aber wieder da sein, das Gefühl der Beklemmung, das Schwitzen, die feuchten Hände.

Was wird mein Gesprächspartner am anderen Ende der Telefonleitung von mir denken?

Keine Angst, nichts. Ich werde „mutig“. Für „Nicht-Sozialphobiker“ kein Problem, nur ein Telefonat.

Für mich ist es heute auch kein Problem!

Ein netter Mann erklärt mir die Voraussetzungen für die Ausbildung und ich mache einen Termin aus. Zeitnah.

Der Termin ist da und ich rede flüssig. Bestehe den Test. Auch in Englisch, meiner Lieblingssprache.

Mit meinem Ausbildungsvertrag in der Tasche stehe ich draußen vor dem Gebäude, inmitten von einem Gewirr aus Menschen und ich freue mich. Ich gehöre dazu, ganz normal. Mein Weg sehe ich vor mir, deutlich.

Der innere Druck ist weg und die Unsicherheit. Es gibt mir Lebensfreude und einen Plan. Den habe ich jetzt.

Auf dem Weg nach Hause begegne ich einem „schüchternen“ Menschen. Ich spüre es, seine Unsicherheit springt mich förmlich an, seine Traurigkeit und die Hilflosigkeit.

Lächelnd gehe ich auf ihn zu, gebe ihm den notwendigen persönlichen Raum. Höre mich reden und Mut zusprechen. Sage ihm, was mir gut getan hat und das ich ihn verstehe.

„Mein Freund, ich kenne einen Ort, wo Du angenommen wirst, so wie Du bist. Wo man Dich versteht, Dir zuhört und sich um Dich kümmert.“

Wir gehen den Weg gemeinsam. In unsere Selbsthilfegruppe.

Intakt - Norddeutscher Verband der Selbsthilfe bei sozialen Ängsten e.V.

Rundbrief vom 01. April 2017